24 Juni 2010
Die Frage nach der Zukunft
Beim Bummeln durch Mainz fallen mir immer mehr Geschäfte auf, die mit dem Entfernen von Tattoos werben. Jahrelang war es umgekehrt, da schossen die Tattoo-Shops wie Pilze aus dem Boden. Vermutlich hat die Modewelle ihren Höhepunkt nun überschritten, Folgenbeseitigung ist deshalb angesagt. Und da befinden sich die kleinen Läden ja durchaus in guter Gesellschaft: Erst verdienen wir Geld damit, dass wir Bedürfnisse wecken, die eigentlich keiner hat, und dann verdienen wir Geld damit die Folgen zu beseitigen. Und wenn das nicht hundertprozentig klappt, dann lässt sich im Zweifelsfall auch damit Geld verdienen, dass wir die Folgen der Folgen beseitigen. Die großen und die kleinen Beispiele dafür sind ebenso zahlreich, wie allgegenwärtig.
Verrückt? Vielleicht, aber das ist leicht gesagt, denn so funktioniert "der Markt". U nd wir alle sind mehr oder weniger Teil dieses Systems, denn wo Geld verdient wird, da werden (meistens) auch Steuern bezahlt, da gibt es Arbeitsplätze, werden Sozialkassen gefüllt, kurz: da wird das materielle Funktionieren unserer Gesellschaft gesichert - zumindest theoretisch.
Denn irgendwie scheint da Sand ins Getriebe gekommen zu sein: "Haushaltskonsolidierung", "Stabilisierung der Sozialsysteme", "Sicherung von Arbeitsplätzen", "Bankenrettung", "Euro-Rettungsschirm" - Begriffe wie "Rettung" und "Sicherung" sind derzeit das Einzige, was so richtig Hochkonjunktur hat. Und selbst sogenannte "Zukunftsinvestitionen" dienen letztlich nur den Sicherungsbemühungen. Dabei wäre es wäre absolut ideologisch, dies nur negativ zu sehen. Trotzdem muss es einen nachdenklich stimmen: Was ist los mit einer Welt, die im Wesentlichen nur noch mit Reparaturarbeiten beschäftigt ist? Ist es wirklich nur Sand im Getriebe, oder stimmt da etwas grundsätzlich nicht? Und welche Weltsicht, welches Bild von Zukunft wird dadurch den nachwachsenden Generationen vermittelt? Ist es ein Zufall, dass Jugendliche viel zu oft gar keine Zukunftsperspektive haben, oder aber ihre Zukunft ausschließlich (und unrealistisch) konsumorientiert beschreiben?
"Wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren!", hat Jesus einmal gesagt und das ist mehr als ein "frommer Spruch", sondern Ausdruck der Erkenntnis, dass man die eigene Zukunft verpasst, wenn man ausschließlich mit der Absicherung der Gegenwart, oder gar der Vergangenheit beschäftigt ist. Die Bibel hat für die Zukunft einen Begriff, das "Reich Gottes", und sie meint damit eine gute Zukunft. Der Genetiv weist darauf hin, dass es dabei "nicht auf den Willen und die Anstrengung des Menschen" ankommt, wie der Apostel Paulus es formuliert, sondern dass es sich dabei um ein Geschenk handelt. Ein Geschenk allerdings, das Offenheit voraussetzt, Offenheit für die Zukunft, und zwar durchaus aktive Offenheit, denn der Begriff "Reich Gottes" ist in der Bibel durchgängig mit "Gerechtigkeit" und "Wahrheit" verbunden.
Anders ausgedrückt: Eine Zukunft ohne Gerechtigkeit und ohne Wahrheit ist keine Zukunft, wer darauf glaubt verzichten zu können und andere Dinge in den Mittelpunkt rückt, der verbaut sich und anderen die Zukunft.
Ist es ein Zufall, dass angesichts einer weltweiten Politik, die nur auf "Sicherung" ausgerichtet ist (Sicherung der Interessen, Sicherung der Handelswege, Sicherung der Energieversorgung, Sicherung des Wachstums, Sicherung der Grenzen …), Menschen weltweit genau diese beiden Dinge vermissen - Gerechtigkeit und Wahrheit? Natürlich, Menschen brauchen auch Sicherheit, und die Politik ist durchaus dafür da, für diese Sicherheit zu sorgen. Problematisch wird es aber offenbar, wenn es nur noch darum geht, wenn es sonst keine Ziele, keine Perspektiven, keine Offenheit mehr gibt. Dann nämlich kann leicht alles zur Bedrohung, alles zur Krise werden und das Krisenmanagement zum irrationalen Selbstzweck und damit letztlich zur (Lebens-)Lüge.
"Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes", sagt Jesus. Nehmen wir das doch einfach ernst!
Pfr. Klaus Bastian